Konzerte in der Saison 2018



Jullius Eastman - Werke für vier Klaviere

Sonntag, 25. März 2018, Aula der Kantonsschule Wettingen, 17 Uhr
Kloster Wettingen, Klosterstrasse 11, 5430 Wettingen

Julius Eastman (1940-1990)
«Crazy Nigger» und «Evil Nigger» für vier Klaviere (1979)
Tomas Dratva, Lukas Rickli, Kristine Sutidze und Christian Zaugg, Klavier

In der Pause führt Christoph Gallio ein Gespräch mit Dieter Hall
Nach dem Konzert lädt GNOM zum Apéro ein

Julius Eastman war als schwarzer, schwuler Komponist, Pianist und Sänger im
klassischen Musikbetrieb ein Aussenseiter. Er studierte in Philadelphia Klavier bei
Mieczyslaw Horszowski und Komposition bei Constant Vauclain. Sein Konzert-
debüt als Pianist gab er 1966 in der Town Hall in New York City. Eastman hatte
eine hervorragende Stimme und arbeitete als Sänger mit Meredith Monk und
Arthur Russell zusammen. In New York schaffte er es, sowohl als Komponist
„uptown“ (akademisch) wie auch „downtown“ (Popmusik) Fuss zu fassen. Er
vereinte Minimalismus und radikales, bei Cage geschultes Denken zu einer
Sprache, die auch der befreiten Disco-Gerneration zugänglich war.
In den 1980er Jahren verfiel Eastman zunehmend dem Alkohol und harten
Drogen. Er zog in das Obdachlosenlager im Tompkins Square Park und starb
1990 komplett verarmt und unbemerkt von der musikalischen Öffentlichkeit.
Viele seiner Partituren wurden bei der Räumung seiner Wohnung vernichtet.
Der Maler Dieter Hall, ein Kenner der New Yorker Kulturszene, lud Julius Eastman im Oktober 1980 für ein Konzert nach Zürich in die Aula der Kantonsschule Rämi-
bühl ein. Das denkwürdige Konzert wurde erst kürzlich als CD veröffentlicht.
Dieter Hall erinnert sich an einen Auftritt, der «vielleicht von vierzig, fünfzig
Personen» besucht wurde. Natürlich kannte ­niemand Julius Eastman, «die Hälfte
der Besucher verliess nach und nach den Saal». Doch das Konzert hatte «etwas
Faszinierendes, etwas Überwältigendes», sagt Hall rückblickend. Dieter Hall wird
in der Aula der Kantonsschule Wettingen anwesend sein und ein Pausengespräch
führen.
Bei GNOM spielen Tomas Dratva, Lukas Rickli, Kristine Sutidze und Christian
Zaugg «Evil Nigger» und «Crazy Nigger» aus der sogenannten Nigger-Trilogie
für vier Klaviere, die 1979 in New York entstand. Die Titel machen deutlich, dass
Eastmans Musik ein Werk des Widerstands von immenser Sprengkraft ist.
„What I am trying to achieve is to be what I am to the fullest […] Black to the
fullest, a musician to the fullest, a homosexual to the fullest”.




Akkordeon Solo – Krassimir Sterev

Freitag, 27. April 2018, Historisches Museum Baden, 20 Uhr
Historisches Museum, Wettingerstrasse 2, 5400 Baden

Bernhard Lang (*1957): Schrift 3 (1997)
Pierluigi Billone (*1960): Mani.Stereos (2009)

Krassimir Sterev ist sowohl als Solist, Kammermusiker als auch in Ensembles und
Orchestern international tätig und weltweit auf vielen renommierten Festivals zu
Gast. Seit 2003 ist Krassimir Sterev Mitglied beim Klangforum Wien. Ebenso
arbeitete er aber auch mit den Wiener Philharmonikern (unter Pierre Boulez und
Daniel Barenboim), dem London Philharmonia Orchestra, dem RSO Wien und vielen anderen. Zahlreiche Werke wurden Krassimir Sterev gewidmet, so auch die
des aktuellen Konzertprogramms.
Wenn Pierluigi Billone für ein Solo-Instrument schreibt, bedeutet dies immer
auch eine grundlegende Erforschung der möglichen Klangreproduktionen, die ein
Instrument mit sich bringt. Über sein Akkordeon-Stück schreibt Billone: „«Mani.
Stereos» schwankt zwischen Leere und ununterbrochener explosiver Energie.
Das Stück ist für Krassimir Sterev (Stereos) gedacht und wurde für ihn geschrie-
ben. Seine außergewöhnliche körperliche Sensibilität und kreative instrumentale
Kompetenz sind die Ausgangspunkte dieser Arbeit gewesen, und ihm gilt meine
tiefe Dankbarkeit.“
Die Verschmelzung von Körper und Instrument spielt für Billone eine zentrale
Rolle. „Beim Akkordeon ist der Körper überall in Berührung mit dem Instrument,
es vergrößert ihn um eine riesige Lunge. Dabei handelt es sich um ein einmaliges
und spezifisches Verhältnis.
Gerade wegen der mechanischen Beschaffenheit des Instruments scheint sich
der Klang manchmal unabhängig vom Akt des Spielens zu ereignen, so als ob er
schon vorher existierte und auch danach in seinem Innern noch erhalten bliebe.
Das legt die Vorstellung nahe, die Arbeit der Hände sei nicht nur «Artikulieren-um-
zu- produzieren», sondern auch und vor allem «Tasten-um-zu-öffnen» und
«Erscheinen lassen».
Die üblichen Artikulationen, welche den traditionellen technischen und
expressiven Reichtum des Akkordeons ausmachen, werden hier verlassen und
durch verschiedene dynamische Formen ersetzt, durch Energiestufen in einem
Klang oder in komplexen und instabilen Klangballungen. Diese Veränderung in
der Klangeinstellung hat notwendigerweise auch manche Veränderung der
Spieltechnik zur Folge.“

Der Werkkatalog österreichischen Komponisten Bernhard Lang besteht aus
mehreren umfangreichen Werkgruppen. Zu seiner Werkgruppe «Schrift» schreibt
Bernhard Lang: „Ich versuchte, im Sinne des automatic writings einen durch-
gehenden Schriftzug zu komponieren: schnell schreibend, eine Kritzelschrift als
Protokoll einer Gedankenflucht erzeugend.“ Die Werkgruppe «Schrift» wird zu
einem musikalischen Organismus, der sich von einem Stück zum nächsten
fortspinnt. „Ich schrieb absichtslos. Die Ordnungen, die sich in den Stücken
finden, sind nicht konzipiert, sondern werden erst im Nachhinein erkannt. Es war
für mich faszinierend zu sehen, wie sich diese Ordnungen in einer gewissen
Organik und auch Verletzlichkeit zeigen und sich im Schreibvorgang offenbaren.“
Es entsteht vor dem Zuhörer ein faszinierendes musikalisches Geflecht, das in
seiner spontanen Eingebung einen faszinierenden Sog entwickelt.




Nehad El Sayed, Oud und Komposition - Amro Mostafa Sadek, Perkussion

Samstag, 9. Juni 2018, 16 Uhr, Sommerfest im Casinopark Baden

GNOM programmiert seit 2017 ein Konzert pro Saison mit aussereuropäischer
Musik. Dabei geht es uns um die Wechselwirkung von Tradition und Gegenwart.
Im 2017 verpflichteten wir den in Kyoto lebenden Biwaspezialisten Silvain
Kyokusai Guignard. Im 2018 laden wir den in der Schweiz lebenden, ägyptischen
Oudspieler und Komponisten Nehad El Sayed und den aus Kairo kommenden
Perkussionisten und Sänger Amro Mostafa ein. Neu ist auch, dass wir eine
Zusammenarbeit mit dem Römerquartierverein in Baden eingehen. Wir werden
die konzertante Musik für das Sommerfest, das an einem Nachmittag stattfindet,
beisteuern. So können auch Kinder und Jugendliche sich an den ungewohnten
Klängen erlaben.
In der arabischen Musik hat die Laute eine ähnlich zentrale Bedeutung wie das
Klavier für die europäische Kultur. Nehad El Sayed gehört zu den talentiertesten
Oudspielern der Welt. Er studierte Oud an der Kairoer Beit El-Oud Hochschule
und Komposition an der Hochschule der Künste in Bern. Gleichsam ist er mit dem
Repertoire der arabischen Klassik, der Sufi-Musik wie auch mit zeitgenössischer
Komposition vertraut.




Black Angels

Samstag, 15. September 2018, Historisches Museum Baden, 20 Uhr
Historisches Museum, Wettingerstrasse 2, 5400 Baden

George Crumb (*1929): «Black Angels» for electric string quartet (1970)
Steve Reich (*1936): «Different trains» for string quatet ans tape (1988)

Mondrian Trio mit Daniel Meller, Violine
N.N., Elektronik

«Black Angels» aus dem Jahre 1970 von George Crumb trägt den Untertitel
«Thirteen Images from the Dark Land». Das Werk wurde für elektronische
Instrumente komponiert, die eigens für diese Komposition konstruiert wurden. Das
Mondrian Trio mit Daniel Meller wird das Werk auf akustischen Instrumenten mit
elektronischer Verstärkung aufführen. Das Werk ist datiert mit «Friday the
Tirteenth, March 1970 (in tempore belli) » und ist eine Reflexion auf den Vietnam
Krieg. Crumb bezieht sich in dem Werk streng auf die Zahlensymbolik. Die
dreizehn Sätze drehen sich in Struktur und Instrumentierung um den zentralen
siebten Satz. Die Spieler des Streichquartetts bedienen auch verschiedene
Perkussionsinstrumente und Kristallgläser.

Die drei Sätze von «Different trains» für Streichquartett und Tonband aus dem
Jahre 1988 von Steve Reich lauten «America-Before the War (movement 1)»,
«Europe-During the War (movement 2)» und «After the War (movement 3)».
Als Kind war Reich häufig zwischen New York und Los Angeles im Zug
unterwegs, um seine Eltern, die sich getrennt hatten, zu sehen: „Ich begann mich
zu fragen“, so Steve Reich, „wann habe ich das gemacht? Und: Was war los in
dieser Zeit? Nun, das war 1939, 1940, 1941, und ich fragte mich, was mit den
kleinen jüdischen Jungen los war zu der Zeit, die so alt waren wie ich und in
Zügen aus Rotterdam oder Brüssel oder Budapest saßen und nach Polen
gebracht wurden und nie zurückkamen.“ Er selbst hätte als jüdischer Junge in
diesem Waggons sitzen können, hätte er in Europa gelebt. Auf dem Tonband sind
Aufnahmen von Steve Reichs Kindermädchen Viriginia, von einem ehemaligen
Pullmann-Schaffner, der die Strecke Los Angeles - New York unzählige Male
befahren hatte, und die Stimmen von drei Kindern, die den Holocaust überlebten
und nach Amerika gekommen waren. Schließlich verwendete Reich
Eisenbahngeräusche aus den 30er und 40er Jahren. So entstand ein Werk, das
wie kaum ein anderes Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in Musik einbindet.




Das atmende Klarsein

Freitag, 2. November 2018, 20 Uhr, Reformierte Kirche Baden

Luigi Nono (1924-1990): «Das atmende Klarsein»
für Bassflöte, kleinen Chor und Live-Elektronik (1980/81)

Mathias Ziegler, Flöte, Vokalensemble Zürich, Peter Siegwart, Leitung
ICST Institut for Computermusic and Sound Technology, Florian Bogner und
Germán Toro Pérez, Elektronik

«Das atmende Klarsein» hat Luigi Nono 1980-1981 für kleinen Chor, Bassflöte
und Live-Elektronik nach einem Text von Massimo Caggiari unter Verwendung
von Fragmenten aus den orphischen Hymnen und den Duineser Elegien von
Rainer Maria Rilke komponiert. Nono nutzte die Elektronik um die Grenzen des
Hörbaren auszuloten und darüber hinauszugehen. Er erfuhr seine Musik als
umfassende Sinneserweiterung, „svegliare le orecchie, la comprensione umana,
l’intelligenza, questo è veramente essenziale oggi“, wie er 1980 schrieb. Das
„Atmende Klarsein» ist ein Schlüsselwerk in Nonos Schaffen, vor allem was die
Handhabung der Vokaltechnik und den Gebrauch der Live-Elektronik in der
Wechselwirkung mit den Instrumentalklängen anbelangt.
Dem 45-minütigen Werk Luigi Nonos werden Madrigale aus der italienischen Renaissance zur Seite gestellt.




Jeder Augenblick Anfang und Ende

Freitag, 7. Dezember 2018, Historisches Museum Baden, 20 Uhr
Historisches Museum, Wettingerstrasse 2, 5400 Baden

1. Teil
Alfred Zimmerlin (*1955): «Jeder Augenblick Anfang und Ende»
für Marimba solo, (2006-8, 2012) - UA
Martin Lorenz, Marimba

2. Teil
Balz Trümpy (*1946): «Weit weg» für Stimme solo (2014)
Nach Texten von Lisa Elsässer und nach Fragen aus Zeitungen
(Auswahl Claudia Vonmoos)
Eva Nievergelt, Gesang

Die beiden Schweizer Komponisten Alfred Zimmerlin und Balz Trümpy stehen im
Zentrum des letzten Konzerts der Saison 2018. Der Perkussionist Martin Lorenz
hat mit der finanziellen Unterstützung des Aargauer Kuratoriums bei Zimmerlin ein
Werk für Marimba in Auftrag gegeben, das sich zu einem gewaltigen Kosmos
ausgeweitet hat. „Gelebtes Leben und Erinnerung – beides sind unter anderem
Grundthemen meiner kompositorischen Arbeit. So interessieren mich die Zyklen,
die Kreise, Spiralen. «Jeder Augenblick Anfang und Ende» für Marimba solo ist
ein Stück mit 365 Anfängen und Schlüssen (in Schaltjahren 366). An jedem
Aufführungstag hat es eine etwas andere Erscheinungsform. Es ist ein Stück, in
dem das Zeiterlebnis anders ist als in einer nach narrativen Prinzipien auf-
gebauten Form.“ (Alfred Zimmerlin)

Das Alltägliche und das Erinnern ist auch ein zentrales Thema in «Weit Weg» von
Balz Trümpy, das auf Texten von Lisa Elsässer und auf Fragen ausgewählt aus
Tageszeitungen basiert. Die von Eva Nievergelt in Auftrag gegebene Komposition
ist ein Monolog, der auch theatralischen Aspekte beinhaltet.